Dienstleistungsökonomie

Warum wir die Volkswirtschaft zur Dienstleistungsökonomie transformieren müssen

Gunnar Sohn

Jammernde Industriekapitalisten und der Staat als Rettungsengel: Konjunkturpakete in Zeiten des Aberglaubens

Das öffentliche Schauspiel der hochkochenden Wirtschaftskrise verläuft nach Ansicht von brandeins-Redakteur Wolf Lotter zwischen Zähneklappern und nach Mutti rufen. Im Zentrum stehe die Gier nach Staatszuschüssen, um die guten alten Zeiten des Industriekapitalismus ins 21. Jahrhundert zu retten. Erkennbar sei bei den Konzernmanagern eine Erschütterung der Psyche: „Die Unfähigkeit, sich seiner eigenen Fehler bewusst zu werden, kostet mehr als die Milliarden, die von den Verbündeten der Manager, den Politikern, verteilt werden. Ein Popanz wird aufgebaut, Alarmismus gepredigt, statt nach Ideen und Lösungen zu suchen“, kritisiert Lotter in der Einleitung des Schwerpunktthemas „Unternehmer“ der März-Ausgabe von brandeins.

Dabei werde ein Zerrbild der Wirtschaftsrealität zelebriert, wie Stefan Homburg, Professor für Öffentliche Finanzen an der Uni Hamburg, bemerkt: „Der Industriebereich bricht ein, stimmt, aber er ist bei Weitem nicht mehr so wichtig, wie er wahrgenommen wird.“. Für ihn handelt es sich dabei um eine zeitgemäße Form des Aberglaubens. Begleitet von apokalyptischen Krisenprognosen und verwirrten Ökonomen ergibt sich im Wahljahr eine einmalige Gelegenheit: Der Staat kann in wohltätiger Manier horrende Geldsummen rauspulvern, die ihm nicht gehören. Wann endet die Krise, fragt sich Lotter. „Die Industriekonzerne und ihre Komplizen sagen: Man weiß es nicht. Der Abgrund ist tief, schier endlos. Es ist ein bewährter Trick von Alarmisten“, schreibt Lotter. Deshalb würden nur wenige murren, wenn die enorm teuren Rettungsaktionen überkommener Wirtschaftsstrukturen mit Steuererhöhungen erkauft werden. Das sei reine Esoterik.

Der Staat als Komplize der jammernden Industriebosse begleitet das Ganze sogar mit großformatigen Anzeigen in Tageszeitungen. „Mit Kurzarbeit die Krise meistern“, heißt es in einer Werbekampagne, die zur Zeit von der Bundesagentur für Arbeit und dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales gestartet wird. „Mit dem Konjunkturpaket II wird der Bezug von Kurzarbeitergeld wesentlich erleichtert und noch umfassender gefördert. Wer seine Belegschaft in der Phase der Kurzarbeit qualifiziert, den unterstützt die Bundesagentur für Arbeit nun zusätzlich. Das ist gut für Unternehmen und für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ob kleiner Handwerksbetrieb, Online-Agentur oder Großkonzern: Mit Kurzarbeit und Qualifizierung lassen sich Auftragseinbrüche ohne Entlassungen überbrücken und das bis zu 18 Monate lang“, so der Anzeigentext. Die Trittbrettfahrer der Wirtschaftskrise könnten sich eine bessere Steilvorlage gar nicht vorstellen. Statt verkrustete Industriestrukturen aufzubrechen, bleibt alles beim Alten.

Wall Street-Guru Bruce Greenwald stellt für die deutsche Volkswirtschaft schlimme Prognosen auf: Deutschland werde in Europa von der Krise am härtesten betroffen sein, weil es das aktivste Herstellerzentrum sei. Die Zukunft gehöre aber der Dienstleistungsgesellschaft, meint Greenwald. Industrie, das war einmal. „Nur unsere Köpfe, ganz besonders deutsche Köpfe, sind voll mit Industriedenken“, führt brandeins-Redakteur Lotter in seinem neuen Buch „Die kreative Revolution – Was kommt nach dem Industriekapitalismus aus“ (Murmann-Verlag). Die Welt habe sich gedreht: Ideen seien heute wertvoller als Produkte. „Weltweite Finanzkrisen wie jene, die 2008 begann, sind immer ein Zeichen für eine hohe Systeminstabilität. Das System der alten Wirtschaft ist in sich labil. Was es braucht, sind viele tragfähige Subsysteme, die in der Ideenwirtschaft ganz natürlich entstehen. Der Vergleich mit der Knotentechnik des Internets drängt sich auf: Nicht ein großer Computer organisiert den weltweiten Datentausch, sondern eine Vielzahl kleiner Systeme. Fällt eines aus, ist das nicht das Ende der Welt“, erklärt Lotter. Was derzeitig die politische und wirtschaftliche Elite biete für den nötigen Strukturwandel sei dürftig, kritisiert Udo Nadolski, Chef des Düsseldorfer Beratungshause Harvey Nash. Wer alles schlecht rede, ohne wirklich etwas verändern zu wollen, habe keine Zukunft, so Nadolski gegenüber brandeins. Jetzt seien Mittelstandtugenden gefragt. Wer in der Krise seine Stellung behaupten wolle, müsse seine Ressourcen und die Geisteskraft seines Landes bündeln und in einer gesellschaftlichen Kampagne für Innovationen mobilisieren.

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Gunnar Sohn Kommentar von Gunnar Sohn am 11. März 2009 um 18:16pm
Siehe auch: http://gunnarsohn.wordpress.com/2009/03/11/staat-verschleudert-geld-und-die-spd-will-hohere-steuern/
Gunnar Sohn Kommentar von Gunnar Sohn am 2. März 2009 um 9:36am
Auf Xing wird schon heftig über diesen Beitrag diskutiert.

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