Dienstleistungsökonomie

Warum wir die Volkswirtschaft zur Dienstleistungsökonomie transformieren müssen

Sprachcomputer sind gar nicht so blöd: Projekte für die Patientenakte, Barrierefreiheit und Fälschungssicherheit

Zwei aktuelle Studien belegen, dass Spracherkennung ein Katalysator für die Einführung der Elektronischen Patientenakte (EPA) sein kann. Die Fallon Clinic in den USA untersuchte das Potential von Spracherkennung hinsichtlich Kosten- und Zeitreduzierung bei der medizinischen Dokumentation. Eine weitere Umfrage eruierte die Einstellung von Ärzten zur sprachbasierten Erfassung digitaler Informationen. Deutlich wird in den Untersuchungen, dass die Technologie den Übergang von papiergebundenen Prozessen hin zur umfassenden Digitalisierung in Gesundheitseinrichtungen beschleunigt, zu signifikanten Einsparungen führt und die Qualität der Dokumentation verbessert.

Der Fallon Clinic Verbund aus Massachusetts mit mehr als 250 Ärzten an 20 Standorten vertreten, beziffert die Einsparung durch Nuance-Sprachlösungen mit 4.950 Euro pro Jahr und Arzt. Gleichzeitig konnte die Organisation die Befundbereitstellung in der EPA erheblich beschleunigen – von durchschnittlich 3,8 Tagen auf circa 45 Minuten mit Spracherkennung - und damit mehr Kapazität für die eigentliche Behandlung freisetzen. Insgesamt wurden Daten aus 1.800 authentischen Patientenuntersuchungen für die unabhängig durchgeführte Studie ausgewertet.

Eine weitere Befragung von 1.255 US-Medizinern kam zu folgenden Ergebnissen: 83 Prozent sagten, dass Spracherkennung die Qualität ihrer elektronischen Patientenvermerke gesteigert habe, 69 Prozent sagten, dass die elektronische Patientenakte durch den Einsatz von Spracherkennung einfacher und schneller zu nutzen sei, 81 Prozent gaben zu Protokoll, dass man die Transkriptionskosten deutlich reduzieren konnte.

„In Amerika wird unsere Transkription in rund 3000 Kliniken eingesetzt und von etwa 400.000 Ärzten und klinischem Personal verwendet. Der größte Anteil wird allerdings nicht mit Software umgesetzt. Wir sind dort Full-Service-Provider und bekommen Aufzeichnungen, indem der Nutzer entweder den direkten Zugriff auf unsere Server nutzt und dort seinen Text aufspricht, oder ihn per File überträgt. Wir führen die Transkription offline durch und liefern den Text zurück. Das ist einer unserer größten Geschäftsbereiche , mit dem wir vergangenes Jahr 350 Millionen Dollar Umsatz gemacht haben. In diesem Jahr werden wir wohl die 400 Millionen Dollar-Grenze durchbrechen“, so Michael-Maria Bommer, General Manager DACH der Firma Nuance.

Momentan steht jedoch der Krankenbericht im Mittelpunkt. Bommer rechnet mit neuen Einsatzmöglichkeiten, die er als „comand and control“, bezeichnet. „Wenn der Chirurg beide Hände zum operieren benutzt, hat er nicht mehr die Möglichkeit, ein weiteres System zu bedienen. Es sei denn, er benutzt seine Stimme als Steuerungsinstrument. Es gibt erste Erfolge in der Radiologie, wo man Geräte mit der Stimme steuert. Ich denke, dass wir das auch stärker bei Geräten im Operationssaal sehen werden. All das ist heute nicht Thema des Tages, aber es wird verstärkt kommen, da mit der Stimme viel flexibler gesteuert werden kann als mit Armen oder Füßen. Ein anderes Thema sind Computer, die keine Tastatur mehr haben. Die sinnvollste Steuerungsmöglichkeit hierfür ist die Sprache“, führt Bommer aus.

Interessante Perspektiven gibt es aber nicht nur im Gesundheitswesen, auch der
18. Deutscher EDV-Gerichtstag vom 23. bis 25. September 2009 in Saa... beschäftigt sich mit Spracherkennung: „Offene Fragen und die Veränderung der Arbeitsprozesse“ stehen auf der Agenda. „Es gibt mittlerweile mehrere Justizministerien, die landesweit Projekte umsetzen oder schon umgesetzt haben. Ministerien in Hessen und Baden-Württemberg haben Lizenzen für ihre Richter oder Staatsanwälte erstanden. In Nordrhein-Westfalen haben wir gerade ein Pilotprojekt mit 600 Arbeitsplätzen ausgerollt, wo man standardisiert Transkriptionssoftware einsetzt. Dort erwatet man zwei Effekte: Wenn etwas geschrieben wird, dauert es im Gericht teilweise Tage oder Wochen, bis eine Transkription mit der zugehörigen Akte bei einer Assistentin ankommt. Sie schreibt es ab, vergleicht es mit den Akten und bis es dann an seinem Bestimmungsort ankommt, dauert es. Das kann man verkürzen. Man hat aber auch erkannt, dass die Richter und Staatsanwälte davon profitieren, wenn sie die Transkription gleich selber durchführen und Korrekturen im eigenen Dokument einpflegen können. Ein Richter bearbeitet gleichzeitig mehrere Hundert Fälle. Wenn er das Dokument nach mehreren Wochen zurückerhält, ist die Einarbeitung in den Fall ein erheblicher Zeitfaktor“, so Bommer.

Ein wichtiges Anwendungsfeld ist auch die Barrierefreiheit. Laut Informationen der Polizei gibt es etwa 9800 schwer behinderte Mitarbeiter. „Die Polizeigewerkschaft ist nicht wirklich zufrieden, wie man mit diesen Mitarbeitern umgeht. Oftmals ist es so, dass jemand komplett aus dem Prozess herausgenommen wird, wenn er eine stärkere Behinderung bekommt. Das ist nicht sinnvoll, wenn ein Mensch durch eine Behinderung nicht mehr schreiben kann, sind sein Geist und seine Fähigkeit zu sprechen, geblieben. Die Parkinson-Krankheit ist ein typisches Beispiel. Ein Professor aus Freiburg war bei uns zu Gast, der trotz Parkinson und der Tatsache, dass er nicht mehr tippen kann, weiterhin veröffentlichen kann. Dies war immer ein wesentlicher Bestandteil seiner Arbeit und die Veröffentlichungen macht er nun komplett über die Sprache, da diese von Parkinson nicht in Mitleidenschaft gezogen ist“, erläutert Bommer.

Behinderten Menschen zu gewährleisten, im Arbeitsprozess einsetzbar zu sein, sei momentan ein Thema, das in Deutschland immer stärker diskutiert wird. Genau wie die Sprachbiometrie. Für einen wirklich fälschungssichern Fingerabdruck werde ein sehr hochwertiges Lesegerät benötigt. „Bei den einfachen Lesegeräten, wie sie in den PCs zu finden sind, benötigt man lediglich einen Wachsabdruck des Daumens, um das Gerät auszutricksen. Davon abgesehen ist es unheimlich aufwändig, überall dort, wo diese Autorisierung gebraucht wird, die Geräte anzubringen. Ein einfaches Beispiel: Angenommen, ein Arzt möchte von zu Hause, aus dem Büro oder an irgendeinem anderen Ort arbeiten. Man müsste an allen Stellen einen sicheren Zugang gestalten, was irgendwann einfach zu teuer wird. Der Vorteil der stimmbasierten Identifikation ist, dass sie sich überall und jederzeit per Telefon autorisieren können. Es geht also nicht nur um die Fälschungssicherheit, sondern auch um den einfachen Zugang zu Daten“, sagt Bommer.

Seitenaufrufe: 2

Kommentar

Sie müssen Mitglied von Dienstleistungsökonomie sein, um Kommentare hinzuzufügen!

Mitglied werden Dienstleistungsökonomie

Neueste Aktivitäten

Blog-Beitrag von Dirk Zimmermann

Studie: „Digitale Services! Strategien, Konzepte und Lösungen“

Heute will der moderne Kunde, jederzeit und überall mit dem gerade verfügbaren Endgerät wie Smartphone, Tablet-PC oder Laptop Informationen nutzen. Social-Media- und Web-2.0-Plattformen verstärken den Trend zum individuellen Informationskonsum und interaktiven Informationsaustausch. Dies wirkt sich auch auf die Nachfrage im Service aus. Das ist das Fazit einer Studie, die vom X [iks] Institut für Kommunikation und ServiceDesign, Berlin im Herbst/Winter 2014 durchgeführt wurde. Deshalb gesellt…Mehr
16. Feb 2015
Blog-Beitrag von Dirk Zimmermann

„Service goes green“ – Ökologische Nachhaltigkeit bestimmt zukünftig das Angebot

Die Nachfrage nach „grünen“ Services wird in Zukunft weiter zunehmen. Serviceanbieter müssen daher Wege finden, ihr Angebot entsprechend ökologisch nachhaltig zu gestalten, um langfristig erfolgreich am Markt zu agieren. Dabei spielt die gezielte Einbindung der Kunden eine wichtige Rolle. Das ist das Fazit einer Online-Umfrage, die vom X [iks] Institut für Kommunikation und ServiceDesign, Berlin im Frühjahr 2013 bei kleinen, mittleren und großen Unternehmen durchgeführt wurde. Die große…Mehr
25. Jun 2014
Christian Ecke ist jetzt Mitglied von Dienstleistungsökonomie
24. Jun 2013
Blog-Beitrag von Gunnar Sohn

Ratespiel bei Sprachautomaten: Sagen Sie 1, 2 oder 3

Die natürliche Sprache zur Steuerung von Geräten, beim Diktieren von Texten und zur Abfrage von Standardinformationen zu nutzen, ist längst Realität und funktioniert erstaunlich gut, auch wenn viele Hotline-Betreiber immer noch auf die veralteten Tastenwahl-Systeme „Drücken Sie die 1, 2 oder 3“ setzen.„Viele Firmen haben die…Mehr
24. Jun 2013
Blog-Beitrag von Dirk Zimmermann

Studie: „Kundendialog 2.0! Entwicklungen in der modernen Kundenkommunikation“

Moderne Kundenkommunikation muß in Zukunft noch mehr Potential entfalten: Botschaften, die effizient und effektiv Kunden binden sollen, müssen - in einem sich schnell wandelnden Verhalten der Konsumenten - stärker als bisher personalisiert und empfängerorientiert zugeschnitten werden und zudem einen echten Mehrwert bieten. Das ist das Fazit einer Studie, die vom X [iks] Institut für Kommunikation und ServiceDesign, Berlin  im Sommer/Herbst 2012 durchgeführt wurde. Deshalb sollten Unternehmen…Mehr
4. Feb 2013
Blog-Beiträge von Gunnar Sohn
21. Nov 2012
Videos gepostet von Gunnar Sohn
21. Nov 2012
Blog-Beitrag von Dirk Zimmermann

Service in Echtzeit – Neue Technologien versprechen Erfolg

Unternehmen können in vielerlei Hinsicht vom Einsatz neuer Technologien im Service profitieren. Die Nachfrage der Kunden nach intelligenten, smarten Lösungen lassen sich leichter erfüllen und zudem winken den Unternehmen mit modernen, digitalen Angeboten positive Markt- und Marketingeffekte.   Das ist das Fazit einer Online-Umfrage, die vom X [iks] Institut für Kommunikation und ServiceDesign, Berlin im Sommer 2012 bei kleinen, mittleren und großen Unternehmen durchgeführt wurde. Die große…Mehr
16. Aug 2012
Blog-Beitrag von Gunnar Sohn

Ruckel-Zuckel-Videokonferenzen: Warum sich auch Google und Co. mit Carrier Grade beschäftigen sollten

Das Fernsehen der Zukunft könnte social sein. Entsprechend ambitioniert war das Rundshow-Experiment von Richard Gutjahr im Bayerischen Fernsehen. Zuschauer aus dem Netz konnten das Programm mitgestalten und live in die Sendung geschaltet werden: per E-Mail, via Twitter, Facebook, Skype und Google Hangout, also per…Mehr
20. Jul 2012
Blog-Beitrag von Gunnar Sohn

Warteschleifen sind auch keine Lösung - Apps und personalisierte Services sind besser

Zwischen den Erwartungen deutscher Verbraucher an guten Kundenservice und der Selbsteinschätzung deutscher Unternehmen klafft eine große Lücke. Während 68 Prozent der Unternehmen der Meinung sind, ihre Kunden und deren Belange zu verstehen, geben 50 Prozent der deutschen Verbraucher an, dass ihnen entweder gar nicht oder…Mehr
17. Jul 2012
Blog-Beitrag von Gunnar Sohn

Winners & Losers im digitalen Geschäft

ÜBER DIE VERSCHLAFENHEIT DER DIGITAL IGNORANTS, so lautet der Titel meiner aktuellen Kolumne für das Debattenmagazin "The European". Die technische Wirklichkeit von Kunden entwickelt sich…Mehr
12. Jul 2012
Blog-Beitrag von Gunnar Sohn

Zum internationalen Tag der Genossenschaften: Herr Raiffeisen und das schnelle Internet - Breitbandausbau genossenschaftlich organisieren

Um alle Haushalte in Deutschland mit Glasfaserkabel für den Empfang von schnellem Internet zu versorgen, rechnen Experten mit Investitionen von 70 bis 80 Milliarden. „Beim Breitbandausbau rutschen wir im internationalen Maßstab immer mehr ab und liegen nur noch auf dem 40. Platz – Tendenz sinkend. Von den Netzbetreibern ist das nicht zu finanzieren. Man braucht rund 40 Jahre für die Refinanzierung. Im schnelllebigen Technologiegeschäft ist das nicht zu stemmen. Der Staat kann aus…Mehr
6. Jul 2012
Video gepostet von Gunnar Sohn

Expandierender App-Markt, IT-Zombies, Social TV und die Übernahme von Nokia durch Microsoft

Interview mit Ralf Rottmann, CTO des App-Spezialisten Grandcentrix in Köln. Seine Thesen zu Apps und Social TV stellt Rottmann auf dem Social Commerce-Fachko...
4. Jul 2012
Blog-Beitrag von Gunnar Sohn

Empfehlung an Microsoft: Apple kopieren und Nokia kaufen

Apple macht Rekordgewinne, erzielt 70 Prozent der Umsätze auf dem App-Markt und präsentiert ein technologisches Ökosystem aus einem Guss. Deshalb sind Smartphone-Statistiken kritisch zu bewerten, die undifferenziert das Betriebssystem von Apple mit Google vergleichen. …Mehr
4. Jul 2012
Blog-Beitrag von Gunnar Sohn

Bei vernetzten Services schalten Unternehmen auf Durchzug: Was Maschinen und Künstliche Intelligenz so alles im Kundendialog leisten könnten

Aktuelle Studienergebnisse belegen: In Zeiten von E-Mail, Internet und mobilen Endgeräten wird schriftbasierte Kommunikation immer bedeutender – und einfacher. Durch moderne Analysemethoden können Unternehmen Anfragen per E-Mail, DE-Mail und Co. sogar weit effizienter verarbeiten als Telefonanrufe. Wenn Verbraucher mit…Mehr
2. Jul 2012
Videos gepostet von Gunnar Sohn
6. Jun 2012
Blog-Beiträge von Gunnar Sohn
23. Mai 2012
Videos gepostet von Gunnar Sohn
14. Mrz 2012
Blog-Beitrag von Gunnar Sohn

Lichtsuppen, schrumpfende Büros und Lärmstress

Wenn Architekten und Designer sich in der Bürowelt austoben, bleibt häufig die individuelle Note auf der Strecke: Glasfassade mit Lichtkonzept, Glastische, Glaswände – fehlt eigentlich nur noch das gläserne Klo. Aseptische Arbeitsplätze, die kaum Raum für persönliche Vorlieben lassen.„Denkt immer an die Menschen! Das muss man heute mehr denn je allen zurufen, die Büros planen und einrichten“, fordert Dominic Giesel, Sprecher der Initiative Wohlfühlarbeit …Mehr
21. Feb 2012
Videos gepostet von Gunnar Sohn
9. Feb 2012

© 2017   Erstellt von Gunnar Sohn.   Powered by

Ein Problem melden  |  Nutzungsbedingungen